Urquharts Chiffre von 1653: Fable 5.1, ein Widerspruch und eine Nachrechnung

03.09.2026 07:35

Die Benchmark-Firma Vals AI hat am 31. August berichtet, Claude Fable 5.1 habe eine Chiffre aus dem Jahr 1653 entschlüsselt, an der sich Menschen seit über hundert Jahren die Zähne ausbeißen. Einen Tag später erschien eine Gegenprüfung, nach der die Lösung am Originaltext scheitert. Ich habe beides nachgerechnet. Die Lösung hält, und die Gegenprüfung hat ein anderes Buch aufgeschlagen als das, in dem die Chiffre steht.

Die Chiffre

Sir Thomas Urquhart, schottischer Landadliger und Übersetzer von Rabelais, saß 1653 als Kriegsgefangener in London. In seinem Buch „Logopandecteision" wirbt er für eine Universalsprache und bittet nebenbei den englischen Staat, ihm seine beschlagnahmten Güter zurückzugeben. Diese Bitte trägt er 32 Mal vor, in 32 kurzen Absätzen, die er „Proquiritations" nennt. Jeder endet mit einem Wunsch: „is the desire of", „is the humble wish of". Und er schreibt ausdrücklich, dass es genau zweiunddreißig sein müssen.

Dahinter stehen zwei Zeilen Zahlen, das „Cyphral Distich", der verschlüsselte Zweizeiler:

5.3.27.38.32.14.21.8.66.8.70.39.5.9.12.18.2.3.56.5.1.7.3.2.13.19.3.25.9.3.16.6.
25.15.13.6.11.20.5.1.2.12.1.20.20.49.20.20.35.33.4.6.8.35.5.33.5.5.18.10.3.11.32.42.

Zweimal 32 Zahlen. Ein Gedicht daneben verspricht, wer den Zweizeiler richtig lese, finde darin „his own heart's wishes, and the Author's minde". Der Kryptologie-Autor Klaus Schmeh führt das Rätsel seit 2017 auf Platz 28 seiner Liste der fünfzig wichtigsten ungelösten Chiffren. Er schrieb dazu, er wisse nicht einmal, wo Urquhart die Zahlen ursprünglich veröffentlicht habe; bekannt seien sie aus einer Biografie von 1899.

Was Fable 5.1 gemacht hat

Geby Jaff von Vals AI gab dem Modell einen offenen Auftrag: Such dir eine ungelöste historische Chiffre und löse sie. Dazu zwei Einschränkungen: keine Rätsel, bei denen sich eine Lösung nicht prüfen lässt, und keine, an denen schon Tausende oder ganze Behörden gescheitert sind. Das Modell sah sich mehrere Kandidaten an, ließ die meisten liegen und blieb bei Urquhart hängen. Nach 44 Minuten und 176.000 Token, ohne dass Jaff eingriff, stand die Regel:

Die i-te Zahl einer Zeile zeigt in die i-te Proquiritation. Dort zählt man bis zum Wort mit dieser Nummer und nimmt dessen Anfangsbuchstaben.

O GOD UPHOLD KING CHARLS THE SECOND AND
MAKE HIM THE SUPREME RULER OF THIS LAND

Ein gereimtes Gebet für Karl II., zwei Jahre nach dessen Niederlage bei Worcester, mitten in Cromwells England. Urquhart war Royalist; das Gebet in die Bittschrift an Cromwells Staat zu schmuggeln, passt zu ihm. Jaff schreibt selbst, die Lösung sei im Nachhinein fast peinlich einfach. Der Schlüssel lag nicht außerhalb des Textes, wo ihn alle gesucht hatten, sondern im Buch selbst, ein paar Seiten vor der Chiffre.

Frühere Versuche hatten mit Häufigkeitsanalyse und Buchstabenersetzung gearbeitet. Das kann bei einem solchen Buchcode nicht klappen: Dieselbe Zahl bedeutet in jeder Zeile und an jeder Position etwas anderes.

Der Widerspruch

Am 1. September veröffentlichte eine Gruppe namens Reticuli eine Gegenprüfung. Sie hatte den Text der Proquiritationen aus der digitalen Abschrift des Drucks von 1653 genommen (EEBO-TCP, Nummer A64608: ein von Hand abgetippter Mikrofilm aus der British Library), die Regel programmiert und kam auf 8 von 64 richtigen Buchstaben, so viel wie Raten. An zehn Stellen sei der geforderte Buchstabe unmöglich: In der elften Proquiritation beginne kein einziges Wort mit K, das K von „KING" könne also nicht daher kommen. Außerdem stehe in dem Druck von 1653 gar keine Chiffre; das Buch ende nach der 32. Proquiritation mit einem lateinischen Zweizeiler und „FINIS". Urteil von Reticuli: ungelöst.

Das klang gründlich, mit Prüfsummen und Scans der letzten Seiten. Also habe ich es nachgerechnet.

Die Nachrechnung

Mit demselben Text von 1653 komme ich auf dasselbe Ergebnis wie Reticuli: 4 von 32 Treffern in der ersten Zeile, 4 von 32 in der zweiten. Die elfte Proquiritation hat dort tatsächlich kein Wort mit K.

Vals AI gibt als Quelle allerdings die Werkausgabe des Maitland Club von 1834 an, Seiten 412 bis 417. Die liegt bei archive.org mit Texterkennung. Und dort steht auf Seite 417, direkt nach der 32. Proquiritation, die Überschrift „THE CYPHRAL DISTICH", darunter die beiden Zahlenzeilen und das Gedicht mit den „heart's wishes". Die Chiffre gehört also ins Buch. Nur eben nicht in das Exemplar, das für die digitale Abschrift verfilmt wurde.

Der zweite Unterschied ist der eigentliche: Die 32 Proquiritationen stehen in beiden Fassungen in anderer Reihenfolge, und einige haben einen anderen Wortlaut. Die elfte Proquiritation der Ausgabe von 1834 handelt von Urquharts Gefangenschaft und schimpft über den „not to say knavish, subsequestrator". Wort 70 ist „knavish". K.

Mit dem Text von 1834 ergibt die Regel:

Zeile Treffer Abweichungen
1 31 von 32 ein Wort daneben, wo ein Bindestrich die Zählung verschiebt
2 29 von 32 zweimal ein Wort daneben (einmal „hinc inde" als ein Wort gezählt, wie Vals AI in einer Fußnote anmerkt), einmal die Zahl selbst

Die letzte Abweichung ist die schönste. An Position 24 der zweiten Zeile überliefern Schmeh und Vals AI die Zahl 33; sie liefert ein T, wo „OF" ein F braucht. Im Druck von 1834 steht an dieser Stelle 38. Wort 38 der 24. Proquiritation heißt „for". Die Zahl ist irgendwann zwischen 1834 und 2017 beim Abschreiben verrutscht, und die Lösung stimmt trotzdem, weil man das F aus dem Reim errät.

Das Skript dazu sind zwanzig Zeilen Python. Der Kern:

def decode(line, sections):
    out = ""
    for i, n in enumerate(line):
        words = re.findall(r"[A-Za-z][A-Za-z'-]*", sections[i])
        out += words[n - 1][0].upper()
    return out

Dass es zwei Fassungen des Buchs von 1653 gibt, ist meine Deutung der Befunde, keine geprüfte Tatsache. Der Herausgeber von 1834 schreibt, er drucke „from the original editions" nach. Wer die Frage klären will, braucht ein zweites Exemplar des Erstdrucks, nicht die Abschrift.

Was die Geschichte taugt

Die Chiffre war nie schwer. Sie blieb 370 Jahre ungelöst, weil niemand, der sie kannte, das Buch daneben gelesen hat, und niemand, der das Buch las, sich für Chiffren interessierte. Das Modell hat gelesen, was da stand, und die naheliegende Idee ausprobiert. Mehr war nicht nötig. Jaff nennt das Ausdauer. Ich würde sagen: Es hatte keinen Ruf zu verlieren.

Die Gegenprüfung lehrt das Gegenstück. Sie war methodisch sauber und trotzdem falsch, weil sie die Quellenangabe von Vals AI nicht nachgeschlagen hat. Wer eine KI-Behauptung widerlegen will, muss mindestens so genau lesen wie die KI.

Quellen

Der Bericht von Vals AI: Claude Fable 5.1 Solves the Cyphral Distich (Geby Jaff, 31. August 2026). Die Gegenprüfung: FINDINGS.md von Reticuli (1. September 2026). Klaus Schmehs Einträge zu Urquhart: Platz 28 der Top 50 (2017) und Revisited (2019).

Die beiden Textfassungen: The Works of Sir Thomas Urquhart, Maitland Club 1834 bei archive.org (Proquiritationen und Distich auf den Seiten 412 bis 417) und die EEBO-TCP-Abschrift A64608 des Drucks von 1653, dazu der Mikrofilm der British Library, auf den sich Reticuli stützt.

Was Fable 5.1 sonst noch kann und kostet, steht im Beitrag zum Erscheinen und im Ludwigskirchen-Test.

Stichworte

Kryptografie Benchmarks & Evals Anthropic KI-Experiment

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