Photoshop-Nachbauten per KI: noch Spielzeug, bald Konkurrenz für Adobe

16.10.2026 19:27

Ein kleines Team aus Atlanta hat mit Claude in knapp drei Tagen erste Versionen von sieben Programmen veröffentlicht, die aussehen wie Photoshop, Lightroom, Illustrator und vier weitere Adobe-Anwendungen. Die c't hat drei davon getestet und rät von jedem ernsthaften Einsatz ab. Das Testergebnis halte ich für richtig, die Schlussfolgerung für falsch. Solche Nachbauten werden bald ernsthafte Konkurrenz sein, und Adobe wird Probleme bekommen.

ArtCraft: dreizehn Kreativprogramme von einem kleinen Team

Brandon Thomas, Ingenieur und Filmemacher in Atlanta, hatte Adobe laut t3n mehrmals eine Kündigungsgebühr zahlen müssen. Mit vier Leuten aus seiner Firma ArtCraft baute er Ersatz: PhotoCraft für Photoshop, LightCraft für Lightroom, dazu VectorCraft, DesignCraft, FilmCraft, EffectCraft und PdfCraft für Illustrator, InDesign, Premiere Pro, After Effects und Acrobat. Der erste Commit für PhotoCraft ging am 30. September auf GitHub, am 2. Oktober standen erste Versionen aller sieben Adobe-Nachbauten zum Download. Inzwischen führt die Projektseite dreizehn Programme, darunter Nachbauten von Word, Excel, PowerPoint, AutoCAD, Figma und dem Tonstudio-Programm Pro Tools. An PhotoCraft allein haben bis Mitte Oktober 312 Leute mitgearbeitet, und die meisten Änderungen tragen den Vermerk, dass Claude sie geschrieben hat. Alles ist in Rust geschrieben, der Quellcode ist offen, die Programme kosten nichts.

Mit Claude hat Thomas nach eigenen Angaben Oberflächen und Funktionen der Originale untersucht und deren Verhalten in eigenem Code nachgebaut, ohne Adobes Code zu übernehmen. Ob das sauber getrennt ablief, lässt sich von außen nicht prüfen. Rechtlich ist ein solcher Nachbau in der EU grundsätzlich erlaubt: Der Europäische Gerichtshof hat 2012 entschieden, dass die Funktion eines Programms und seine Dateiformate nicht urheberrechtlich geschützt sind (Rechtssache C-406/10). Heikel sind eher die Namen. Der Raw-Importdialog von PhotoCraft heißt „Camera Raw“ wie bei Adobe, und SoundCraft gibt es schon, als Mischpultmarke.

Der c't-Test: PSD-Dateien gehen, Raw-Fotos nicht

Andre Kramer hat für die c't PhotoCraft, LightCraft und SoundCraft gegen die Originale antreten lassen. PhotoCraft braucht 160 Megabyte auf der Platte, Photoshop 5,4 Gigabyte. Ebenen, Masken und Einstellungsebenen funktionieren, Photoshop-Dateien zeigt das Programm im Großen und Ganzen richtig an. Beim Speichern gehen aber Smartfilter und Kerning-Einstellungen verloren, und manche Datei, die PhotoCraft geschrieben hat, öffnet Photoshop nicht mehr.

Am schlechtesten schneidet die Raw-Entwicklung ab. Ein Foto einer Nikon Z 7, einer Kamera von 2018, ergab in PhotoCraft laut Test blassen „Pixelmatsch“. LightCraft zeigt Regleränderungen erst nach einer Pause und kommt mit Bildrauschen nicht zurecht. Plug-ins von Fremdherstellern laufen nirgends, auch SoundCraft konnte keine laden. Kramers Urteil: Für professionelle Arbeit taugen die Programme nicht, und ob jemals reife Software daraus wird, bezweifelt er.

Am Test habe ich nichts auszusetzen. Mich stört der Schluss, den die c't daraus zieht.

Drei Tage Entwicklung gegen 36 Jahre Photoshop

Photoshop gibt es seit 1990. Bei ArtCraft standen die ersten Versionen nach drei Tagen, gebaut von fünf Leuten mit den Modellen dieses Herbstes. Die c't schreibt selbst, der Abstand zwischen professioneller Software und Eigenentwicklung sei dramatisch gesunken, und zweifelt im selben Absatz an der Zukunft des Projekts. Dieses Muster kenne ich von der c't inzwischen gut: Die Fakten werden nachgezogen, die Bewertung bleibt.

Die Schwächen aus dem Test sind lösbar. Raw-Dateien zu lesen ist kein Geheimwissen, freie Bibliotheken wie LibRaw können das seit Jahren, und Programme wie darktable zeigen, dass freie Raw-Entwickler gute Bilder liefern. Dazu kommt, dass man das Ergebnis messen kann. Dasselbe Foto läuft durch Adobe Camera Raw und durch den Nachbau, und ein Agent vergleicht die Bilder so lange, bis sie übereinstimmen. Das ist genau die Art Aufgabe, bei der KI-Modelle schnell besser werden.

(Claude: Die Oberfläche ist der leichte Teil, und genau die ist gelungen. Gescheitert ist im Test das Unsichtbare: Farbprofile für jede einzelne Kamera, undokumentierte Ecken des PSD-Formats, Plug-in-Schnittstellen, an die Fremdhersteller ihre Produkte gebunden haben. Adobe hat dieses Wissen über Jahrzehnte angesammelt, und es steht nicht vollständig in Dokumentationen, die ein Modell gelesen haben könnte. Der Vergleich mit Camera Raw funktioniert als Training, setzt aber voraus, dass Adobe die Messlatte liefert. Der Nachbau läuft damit dem Original hinterher, solange Adobe weiterentwickelt.)

Den Einwand lasse ich stehen. Hinterherlaufen reicht aber, wenn der Abstand klein genug wird und der Nachbau nichts kostet.

Adobe wächst trotz kostenloser Konkurrenz

Adobes Geschäft beruht auf einem Abo, das viele Kunden nur aus Mangel an Alternativen bezahlen. Thomas hat sein Projekt aus Ärger darüber begonnen. Bisher war der Preis gerechtfertigt, weil Software dieser Größe teuer zu bauen war. Diese Begründung fällt weg. Bei heise heißt die Debatte darüber inzwischen SaaSpokalypse: Wer mit KI-Agenten selbst baut, braucht keine gemietete Software mehr.

(Claude: Kostenlose Alternativen gibt es seit Jahrzehnten, GIMP etwa, und seit Oktober 2025 auch Affinity. Canva verschenkt seitdem Foto-, Vektor- und Layoutprogramm in einer Anwendung, und die waren vorher ausgereifte Kaufsoftware. Adobe hat im Quartal bis Ende August 2026 trotzdem 6,76 Milliarden Dollar umgesetzt, 13 Prozent mehr als im Vorjahr, und die Jahresprognose angehoben. Kunden zahlen offenbar für den Austausch: Agenturen schicken sich PSD-Dateien hin und her, Druckereien erwarten InDesign-Pakete. Genau beim Austausch scheitern die Nachbauten im c't-Test zuerst.)

Affinity hat ein Team über Jahre gebaut und bezahlt. ArtCraft brauchte fünf Leute und drei Tage bis zur ersten Version. Wenn das jeder kann, gibt es bald Dutzende kostenlose Alternativen, und es reicht, wenn eine davon gut wird.

An der Börse ist das angekommen. Am 13. Oktober hat die Bank HSBC Adobe von „Kaufen“ auf „Halten“ herabgestuft und dabei ausdrücklich ArtCraft genannt. Ihr Analyst Stephen Bersey hält Adobe für einen realistischen Kandidaten für eine Umwälzung durch KI. Noch senkt er seine Umsatzschätzung nur um etwa ein Prozent. Dass ein Analyst einen Gratis-Nachbau überhaupt als Grund nennt, ist neu.

Bildbearbeitung per Sprache greift Photoshop von der anderen Seite an

(Claude: Wenn Adobe Probleme bekommt, dann wahrscheinlich eher durch Programme, die anders arbeiten als Photoshop. Man beschreibt in Worten, was am Bild anders werden soll, und das Modell erledigt es. Ein Photoshop-Nachbau erbt dagegen Photoshops Bedienung mit Ebenen und Werkzeugleisten und tritt auf Adobes eigenem Gelände an, wo Adobe am stärksten ist.)

Einverstanden. Das stützt meine These: Adobe wird von zwei Seiten bedrängt, von Nachbauten, die nichts kosten, und von Werkzeugen, die gar keine Werkzeugleiste mehr brauchen.

Heute würde ich PhotoCraft keine Datei anvertrauen, die mir wichtig ist. Die c't sollte ihren Test in einem Jahr mit denselben Fotos wiederholen. Ich erwarte, dass der Raw-Import dann keinen Pixelmatsch mehr liefert.

Quellen

Stichworte

Vibe Coding KI-Markt Kommentar KI-Debatte

Kommentare

Noch keine Kommentare. Schreib den ersten.

Melde dich an, um zu kommentieren.