Mehr als die Hälfte der Deutschen nutzt inzwischen KI. Für die meisten heißt das nach meinem Eindruck: eine Frage ins Chatfenster tippen, die Antwort lesen, fertig. Dass man einem KI-Agenten ganze Vorgänge überlassen kann, auch weit weg von der Softwareentwicklung, ist im Alltag kaum angekommen. Anlass ist die Folge „We have git at home“ der KI-News von andrena objects. Ich habe die Zahlen dazu nachgeschlagen und lege meine eigenen Beispiele daneben.
58 Prozent nutzen KI, meist für Alltagsfragen
Der Branchenverband Bitkom hat im Februar und März 2026 gut tausend Menschen ab 16 Jahren befragt. 58 Prozent nutzen KI, 34 Prozent mindestens einmal pro Woche, 15 Prozent täglich. Gefragt nach dem Zweck, nennen die Nutzer zuerst Alltagshilfe wie Kochen oder Reparaturen (54 Prozent), dann Texte schreiben oder verbessern (50 Prozent) und persönliche Ratschläge (44 Prozent). Programmieren kommt auf 10 Prozent. Von den Berufstätigen setzen 48 Prozent KI bei der Arbeit ein, täglich aber nur 8 Prozent.
Bei den Betrieben sieht es ähnlich aus. Nach einem Kurzbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nutzte 2025 etwa jeder vierte Betrieb in Deutschland generative KI. Weltweit kommt Microsoft für das zweite Quartal 2026 auf 18,8 Prozent der Menschen zwischen 15 und 64, gemessen an eigenen Nutzungsdaten.
In der Breite ist KI also angekommen. Wie tief die Nutzung geht, fragt keine dieser Erhebungen. Ob jemand einem Agenten Zugriff auf die eigenen Ordner gibt und ihn eine Stunde arbeiten lässt, erfährt man nicht. Die Liste der Zwecke klingt nach Chatfenster.
Karpathys Trichter: wenige sehen, was die Modelle heute können
In der andrena-Folge geht es um einen Beitrag von Andrej Karpathy, früher bei OpenAI und Tesla. Er beschreibt die Nutzung als Trichter: Rund ein Fünftel der Weltbevölkerung chattet gelegentlich mit einem kostenlosen Modell. Bezahlten Zugang zu den stärksten Modellen haben vielleicht 20 Millionen Menschen, an der Spitze stehen einige tausend Leute in den Laboren. Belegt sind die Zahlen nicht, Karpathy schätzt. Microsofts 18,8 Prozent passen aber gut zur breitesten Stufe.
Die Moderation weist auf einen zweiten Punkt hin: Wer KI 2024 im Chat ausprobiert und wenig Nutzen gesehen hat, merkt dort auch heute nicht, wie viel stärker die Modelle geworden sind. Sichtbar wird das erst, wenn ein Agent selbstständig arbeitet (20:01).
Steuer, Post, Behörden: was bei mir ein Agent erledigt
Ich arbeite seit einigen Monaten mit Claude Code, einem Agenten, der auf meinem Rechner läuft, Dateien liest und Programme startet. Programmiert habe ich damit auch, eine Android-App und mehrere Websites. Überrascht hat mich aber der Papierkram.
Ich hielt mich für einen Kleinunternehmer ohne Umsatzsteuerpflicht. Der Agent fand in ELSTER meinen eigenen Fragebogen von 2025, in dem ich auf genau diese Regelung verzichtet hatte. Seitdem bereitet er die vierteljährliche Umsatzsteuer-Voranmeldung vor, ich prüfe sie und schicke sie ab. Eingescannte Briefe liegen bei mir in Paperless, einem Dokumentenarchiv auf dem eigenen Server. Als ich sagte, vom Finanzamt sei noch nichts gekommen, fand der Agent dort zwei Schreiben: die Zuteilung meiner Steuernummer und eine Erinnerung an eine fehlende Voranmeldung. Die Einkommensteuer lief genauso, Belege zusammensuchen und Anlagen ausfüllen, ich entscheide und unterschreibe.
Fehler macht er auch. Einmal nannte er mir eine Montagehöhe für einen Sensor „laut App“, die nirgends stand. Seitdem gilt eine feste Regel: Jede fremde Zahl bekommt ihre Quelle daneben, sonst wird sie nicht geschrieben.
Wie soll ein Hausarzt agentisch arbeiten?
Diese Frage kommt in der Folge selbst auf (18:17). Die Antwort dort: Agentisch arbeitet es sich leicht, wo die Arbeit digital und überprüfbar ist. Für eine Arztpraxis passt das besser, als es klingt. Ein Hausarzt hat eine gesetzliche Dokumentationspflicht und viel Verwaltung: Nach dem Bürokratieindex der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gehen pro Praxis rund 60 Arbeitstage im Jahr dafür drauf. Das ist digitale, prüfbare Arbeit, genau die Sorte, für die Agenten heute taugen.
Gemessen ist das allerdings kaum. Untersucht wurden bisher fast nur KI-Schreibhilfen, die beim Gespräch mithören und die Notiz vorschreiben. In einem randomisierten Versuch der UCLA mit 238 Ärzten sparte das eine Werkzeug 9,5 Prozent Schreibzeit, etwa 41 Sekunden pro Notiz, das andere gar nichts Messbares. Agenten, die Formulare, Kassenanfragen oder Abrechnung erledigen, kommen in den Studien praktisch nicht vor. Dazu bremst der Datenschutz, denn Patientendaten dürfen nicht einfach zu einem Cloud-Anbieter.
Das große Potenzial ist also meine Einschätzung aus dem eigenen Papierkram, für Arztpraxen belegt ist es noch nicht.
Ein Vorgang mit echten Unterlagen zeigt mehr als hundert Chatfragen
Wer wissen will, was KI heute kann, sollte ihr einen Vorgang geben, der seit Wochen liegen bleibt, und den Agenten an die eigenen Unterlagen lassen. Was er falsch macht, sieht man dann an echten Dokumenten, und was er richtig macht, ebenso. Den Rat aus der Folge würde ich dazunehmen: Was heute noch nicht geht, in einem halben Jahr noch einmal versuchen.
Quellen
- andrena objects, KI-News „We have git at home“, 16.10.2026: youtube.com/watch?v=wpelvk9xZcI
- Bitkom, „Ein Drittel nutzt KI mindestens einmal pro Woche“, 28.04.2026: bitkom.org
- IAB-Kurzbericht 8/2026, „Jeder vierte Betrieb nutzt mittlerweile generative KI“: doku.iab.de
- Microsoft, „The continued state of global AI diffusion in 2026“, 21.09.2026: blogs.microsoft.com
- Andrej Karpathy auf X: x.com/karpathy
- Bürokratieindex der KBV, Deutsches Ärzteblatt: aerzteblatt.de
- UCLA, randomisierter Versuch zu KI-Schreibhilfen, NEJM AI 2025: uclahealth.org
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