andrena objects hat im November 2025 ein Gespräch veröffentlicht, das drei Jahre zurückblickt: Wie kam KI in die Firma, und was ist daraus geworden? Mich hat daran weniger die Firmengeschichte interessiert als eine Verwunderung, die der KI-Experte dort beschreibt. Es ist genau die, die ich seit Jahren mit mir herumtrage.
Zwei Leute reden vierzig Minuten miteinander. Steve treibt bei andrena das KI-Thema, Robin entwickelt Software und stellt die Fragen. Beide arbeiten in derselben Firma und sind beim selben Thema auf ganz verschiedenen Wegen gelandet.
Die Nacht, in der das Licht wieder anging
Ende November 2022 saß Steve an einem Java-Backend und schrieb Tests, als der Link zu ChatGPT ankam. Aus dem Arbeitskontext heraus getippt: saubere Unit-Tests für Spring Boot, ohne Code mitzugeben. Was zurückkam, sah verwertbar aus. Am Abend folgten Erziehungstipps für die eigenen Kinder, und danach ging es nicht mehr weg. Steve beschreibt, wie das Licht nachts noch einmal anging, um weiterzuschreiben.
Der Satz, der die Sache erklärt, lautet sinngemäß: über dreißig, kennt Computer gut, und Computer können das nicht. Nicht die Nützlichkeit war der Auslöser, sondern die Unmöglichkeit.
Es folgten drei Monate, abends zwei bis drei Stunden, mit einem einzigen Ziel: ein mentales Modell, um greifen zu können, was da passiert. Material gab es zu dem Zeitpunkt längst, ein ganzer Rückstand an Vorträgen und Podcasts. Im Februar 2023 stand der erste Vortrag in der eigenen Firma.
Die Zahl, die nicht aufging
Steve rechnete damit, dass es der Hälfte der Kollegen genauso gehen würde. Und falls diese Schätzung zu hoch griff, dann eben zwanzig Prozent. Dazu die Annahme, ein paar seien ohnehin schon weiter, schließlich hatten manche Physik oder Mathematik studiert und neuronale Netze im Studium gehabt.
Kurz vor Weihnachten kam das erste längere Gespräch mit anderen Entwicklern. Ausprobiert hatten es fast alle. Tief eingestiegen waren sehr wenige.
Das ist die Beobachtung, wegen der ich über dieses Video schreibe. Ich habe mich seit 2023 darüber gewundert, dass ein Werkzeug, das die Arbeit von Softwareentwicklern umbaut, in der Branche offenbar kaum jemanden dazu gebracht hat, unter die Haube zu schauen. Ich hielt das für einen Wahrnehmungsfehler auf meiner Seite, weil ich von außen draufschaue. Es ist keiner. Jemand, der mittendrin saß, hat sich über dasselbe gewundert.
Der Gegenbeleg sitzt im selben Gespräch. Robin sagt offen, der eigene Anspruch sei nie gewesen zu verstehen, was im Hintergrund passiert, sondern das Ding als Black Box zu benutzen. Im Sommer 2023 kam Skepsis dazu, und deren Begründung finde ich die interessanteste Stelle der vierzig Minuten: Robin ging vom damaligen Stand aus, also von halluzinierten Importen und 16.000 Token Kontextlänge. Steves Gegenfrage darauf: Warum fällt es so schwer, statt des Standes die Kurve zu sehen?
Warum ausgerechnet dort
Ich hatte andrena für die Ausnahme gehalten. Das Gespräch stützt das nur zur Hälfte, und man sollte mitdenken, dass es auf dem Kanal der Firma erscheint.
Der erste Anlauf ging nämlich schief. Steve wollte im Sommer 2023 ein Projekt aufsetzen, in dem ein kompletter Entwickleralltag mit GPT-4 durchgespielt wird, und fand nicht genug Kollegen, die mitziehen wollten. Die Firma sei mental noch nicht bereit gewesen. Erst Monate später kam die Freistellung durch den Vorstand.
Die Erklärung, die Steve selbst anbietet, ist unspektakulär und deshalb glaubwürdig: flache Hierarchien. Bei 5.000 Mitarbeitern und zehn Hierarchieebenen wäre aus der Sache nichts geworden. Es brauchte keinen Weitblick der Organisation, sondern jemanden, den es gepackt hat, und eine Struktur, die nicht im Weg stand. Heute ist das ein Team aus fünf Leuten für rund 300 Entwickler.
Für die Branche insgesamt nennt Steve eine Zahl aus Konferenzgesprächen. Auf die Frage, wie viele KI-Projekte man gemacht habe, kämen große Zahlen. Auf die Frage, wie viele davon in Produktion gegangen seien, laufe es oft auf eines von acht hinaus.
Der Antrieb war nie beruflich
Ich bin als Softwareentwickler nicht mehr professionell unterwegs. Der Druck, der bei Steve mitschwingt, ob der eigene Beruf in einem Jahr wegautomatisiert ist, fällt bei mir weg. Gepackt hat es mich trotzdem, und aus demselben Grund: Ich wollte wissen, wie ein Transformer funktioniert. Herausgekommen sind unter anderem ein Mini-Sprachmodell in 30 Zeilen NumPy und ein Glossar, das ich zuerst für mich selbst gebaut habe.
Genau hier kippt die Erklärung, die man sonst gern hört. Wenn der Antrieb nicht beruflich ist, taugt die Berufsgruppe auch nicht als Begründung dafür, wer einsteigt und wer nicht. Steve sagt ins Publikum, jeder könne diese Person sein, die Reise sei erstaunlich kurz. Drei Monate abends, sagt der Mann, der sie gegangen ist.
Eine Aussage aus dem Gespräch lässt sich überprüfen, deshalb notiere ich sie mir. Im November 2025 sagt Steve, in zwei Jahren gehöre der Umgang mit diesen Werkzeugen zum Handwerk, und wer ihn dann nicht beherrsche, entwickle auch keine professionelle Software mehr. Das wäre Ende 2027. Die Frage danach, wie es in ein bis zwei Jahren aussieht, hatte Steve sich im selben Gespräch ausdrücklich verbeten und dann doch beantwortet.
Quellen
- andrena objects, „KI Themen mit Steve und Robin: Von ChatGPT zu KI-Integration in der Praxis" (3. November 2025, 40:50): https://www.youtube.com/watch?v=NR07k5oL8UQ
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