Verliert Europa den KI-Anschluss? Das Szenario Europe 2031

28.07.2026 11:32

Im Juni verschwanden die neuen Claude-Modelle Fable 5 und Mythos 5 für dreieinhalb Wochen aus meinem Werkzeugkasten. Kein Ausfall und kein Bug, sondern ein Exportverbot der US-Regierung: Die Modelle galten als zu mächtig, und weil sich die Staatsbürgerschaft einzelner Nutzer nicht feststellen lässt, musste Anthropic sie weltweit abschalten. Fast gleichzeitig erschien „Europe 2031", ein Szenario von acht KI-Fachleuten über Europas Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Zwei Tage nach der Veröffentlichung trat der erste Punkt daraus ein.

Das Szenario

Europe 2031 ist keine Studie, sondern eine erzählte Geschichte über fünf Jahre, veröffentlicht im Juni 2026 von einer Gruppe um Daan Juijn, Judith Dada, Michiel Bakker und Philip Fox, redigiert von Tom Chivers. Es gibt sie in zehn Sprachen, als PDF, als Hörfassung und als Markdown-Datei für KI-Agenten. Eine Million Menschen haben die Seite besucht.

Zwei Figuren tragen die Handlung: Caroline Dubois, Beamtin in der EU-Kommission, und Christian Vogt, deutscher Gründer im Silicon Valley. Der Prolog rekapituliert Januar 2025 bis Juni 2026, also Vergangenheit. Danach läuft die Erzählung weiter bis März 2031, ein Epilog blickt aus dem Jahr 2034 zurück.

Der Ausgangspunkt sind drei Fehleinschätzungen aus dem Jahr 2025. Europa hat unterschätzt, wie schnell KI sich entwickelt, wie viel sie verändert und wie schwer das Aufholen ist. Aus DeepSeek zog man die tröstliche Lehre, Rechenleistung sei zweitrangig; die 200 Milliarden Euro vom Pariser Gipfel waren größtenteils umetikettiertes Geld.

Danach wird es unangenehm. 2027 löst ein offenes Modell eine Erpressungswelle aus, und es trifft ausgerechnet die Organisationen, die kurz zuvor aus Souveränitätsgründen auf europäische Anbieter umgestellt hatten und deshalb mit schwächerer Abwehr dastehen. 2028 zwingt Washington die Niederlande, ASMLs Lieferungen nach China zu stoppen; die übrigen Mitgliedstaaten halten sich raus, und Europa verhandelt nichts dafür heraus. 2029 rationieren die USA den Zugang zu ihren besten Modellen nach Ländern, Europa landet in Stufe zwei und bekommt die Hälfte der bisherigen Rechenzuteilung. 2030 kauft ein amerikanischer KI-Konzern angeschlagene europäische Autobauer und Werkzeughersteller auf, nicht wegen der Marken, sondern wegen der Hallenfläche und der Industriedaten. 2031 verlangt das Weiße Haus die Kontrolle über ASML, und Europa hat die Wahl zwischen amerikanischem Protektorat, chinesischem Kredit und Isolation.

Der Teil, den ich selbst bemerkt habe

Die Zugangsbeschränkung, die ich im Juni erlebt habe, hatten die Autoren im Szenario für 2029 vorgesehen. Sie kam drei Jahre früher. Philip Fox, einer der Mitautoren und beim Berliner Think Tank KIRA, sagt dazu in einem Interview mit dem Fraunhofer IEM den Satz, der mir seither nicht aus dem Kopf geht: Die Realität hole einen schneller ein, als man hypothetische Szenarien schreiben könne.

Für mich war das eine dreieinhalbwöchige Unannehmlichkeit. Für ein Unternehmen, das seine Auftragsabwicklung darauf gebaut hat, wäre es etwas anderes gewesen. Entschieden hat es eine Regierung, die ich nicht wähle, über ein Werkzeug, für das ich zahle.

Eine zweite Stelle aus demselben Interview ist für mich als Saarbrücker näher dran, als mir lieb ist. Fox spottet über das geplante deutsche KI-Sicherheitsinstitut und dessen Rekrutierungsaussichten. Man mache Leuten, die im Silicon Valley sechs- oder siebenstellig verdienen, das Angebot, nach Saarbrücken in eine Bundesbehörde zu kommen, wo sie ein Beamtengehalt bekommen und für ein MacBook einen Antrag stellen müssen, der ein halbes Jahr braucht. Er hat recht, und trotzdem wäre es der richtige Ort: Das CISPA ist da, die Informatik ist da. Das Geld und das Tempo fehlen.

Die dritte Option gibt es nicht

Fox' Kernthese ist unbequemer als das Szenario selbst. Europa habe genau zwei Möglichkeiten. Entweder es steigt in den Kapitalwettlauf ein, was er auf zwei Billionen Euro aufwärts beziffert und nur in einer Allianz mit Kanada, Japan, Australien für machbar hält. Oder es geht eine Partnerschaft mit den USA ein und macht sie so verzahnt, dass ein Rauswurf teuer wird.

Die in Europa beliebte dritte Möglichkeit, klein und schlau zu sein und mit einem Bruchteil der Ressourcen an die Spitze zu kommen, nennt er eine Märchenerzählung. Die Zahlen geben ihm recht: Europa kontrolliert rund fünf Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung, die USA achtzig. Nach Schätzungen von Epoch AI verdreifacht sich das globale Angebot an Rechenleistung jedes Jahr, während die Nachfrage sich verzehnfacht.

Ich kann das aus dem eigenen Bastelkeller bestätigen, wenn auch drei Größenordnungen weiter unten. Auf meinem Raspberry Pi läuft ein lokales Modell, autonom, mit eigenem Telegram-Bot. Ich mag es. Aber der Abstand zu dem, was auf einer angemieteten Grafikkarte läuft, ist nicht klein, und der Abstand von dort zur Spitze ist noch einmal eine andere Liga. Wer Souveränität mit „wir machen es kleiner selbst" übersetzt, sollte einmal beides nebeneinander laufen lassen.

Was Europa noch tun soll

Fünf Empfehlungen stehen in der Zusammenfassung. Die erste ist die teuerste: Rechenleistung im zweistelligen Gigawatt-Bereich auf europäischen Boden holen, mit eigenen Wirtschaftszonen, Energiepolitik und Genehmigungsverfahren, die von zwei Jahren auf drei Monate schrumpfen. Ausdrücklich nicht allein, sondern gemeinsam mit amerikanischen Betreibern, aber unter europäischem Recht und mit vertraglich zugesichertem Zugang zu den Modellen, die dort trainiert werden.

Die zweite: keine Abstimmung unter 27, sondern eine kleine Koalition der Mittelmächte mit Norwegen, Großbritannien, Kanada, Japan und Südkorea, die jeweils ein echtes Stück der Lieferkette halten. Die dritte: Arbeitsmarktreform nach dänischem Vorbild, Absicherung der Menschen statt Konservierung der Stellen. Die vierte: Robotik und industrielle KI ausbauen, weil das Rennen um Sprachmodelle gelaufen ist, das um die physische Welt aber nicht.

Die fünfte ist die interessanteste, weil die Autoren dort ihr eigenes Versagen einräumen. Europa brauche eine positive Vorstellung davon, wofür der ganze Umbau gut sein soll, und sie hätten keine anzubieten. Im Epilog lässt Caroline Dubois genau daran ihre Bilanz scheitern: Alles, was sie durchrechnen konnte, war ökonomisch, und niemand nimmt jahrelange Verwerfungen auf sich, um etwas abstrakt Schlimmeres zu vermeiden.

Was mich überzeugt und was nicht

Der stärkste Satz des Szenarios steht im Epilog und ist ein Eingeständnis. Geld sei nie das Nadelöhr gewesen, sagt Dubois; die Hyperscaler hatten Geld. Was sie brauchten, war Tempo, denn ein Rechenzentrum einen Monat früher am Netz war ihnen Milliarden wert. Genau das hätte Europa anbieten können, und es tat es nicht, weil den Amerikanern den roten Teppich auszurollen wie das Gegenteil von Souveränität aussieht. Niemand wollte der Politiker sein, der diesen Satz ausspricht.

Skeptisch bin ich an zwei Stellen. Die Autoren gehören selbst zur Fraktion, die den Ausbau von Rechenleistung für die Antwort hält, und ein Szenario, das genau dorthin führt, ist kein Beweis. Und der Epilog untergräbt seine eigene Handlungsaufforderung: Dubois hält es für möglich, dass keine Regierung diese Maßnahmen politisch überlebt hätte und die Nachfolger alles zurückgedreht hätten. Das ist ehrlicher als die meisten Weckrufe, macht die Empfehlungen aber nicht leichter.

Kokotajlos Szenarien fragen, wie die Sache global ausgeht und wer sie kontrolliert. Europe 2031 fragt etwas Kleineres und Näheres, nämlich wo wir dabei sitzen. Die Antwort im Szenario lautet: am Katzentisch, mit einem letzten Faustpfand in Veldhoven. Ob das Szenario stimmt, weiß ich nicht. Dass sein erster Datenpunkt drei Jahre zu früh eingetroffen ist und mir dabei drei Wochen lang mein Werkzeug gefehlt hat, weiß ich.

Quellen

  • Europe 2031 — Szenario, Zusammenfassung, Hörfassung und Übersetzungen
  • KIRA Center — Berliner Think Tank, dem mehrere der Autoren angehören
  • Epoch AI — Datenbasis zu Rechenleistung und Hardware-Trends
  • Das Interview, das diesen Beitrag angestoßen hat:

Stichworte

KI-Politik Szenario Europa Rechenleistung

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