Was ein Entwickler, dem ich vertraue, über KI und Verantwortung sagt – und was davon für Vibe-Coding bleibt
Logbuch-Eintrag, Stand Juni 2026. Arjan (ArjanCodes) hat ein Video mit dem Titel „I'm done with the AI hype" veröffentlicht. Ich schätze ihn als Entwickler sehr – und sein Beitrag trifft mehrere Punkte, die auch in dieser Serie immer wieder auftauchen. Hier fasse ich zusammen, was er sagt, und ziehe danach meine eigenen Schlüsse.
Worum es geht
Vorweg, weil das wichtig ist: Arjan ist kein KI-Gegner. Er nutzt diese Werkzeuge selbst und sagt das auch deutlich. Sein Ärger richtet sich nicht gegen KI, sondern gegen eine verbreitete, sehr enge Vorstellung davon, was Softwareentwicklung überhaupt ist. Es ist also kein „Früher war alles besser"-Video, sondern der Versuch, ehrlich zu benennen, was diese Werkzeuge können – und was eben nicht.
Sein Argument: Programmieren ist nicht gleich Code tippen
Arjans erster Einwand zielt auf das Bild, das viele Hype-Beiträge zeichnen: ein Team aus KI-Agenten, das in Minuten ganze Anwendungen ausliefert, weil Entwicklung angeblich vor allem heißt, möglichst schnell möglichst viel zu shippen. Er fragt: Stimmt das überhaupt?
Schnell ausliefern, sagt er, sei für Startups und MVPs sinnvoll – man will rasch wissen, ob eine Idee trägt. Aber das sei nur ein kleiner Ausschnitt der realen Softwarewelt. Der Großteil laufe in Organisationen, in denen es gerade nicht ums Tempo gehe, sondern ums Gegenteil: Risiko minimieren. Bei einer Bank oder Versicherung sei schnelles, unbedachtes Ausliefern schlicht fahrlässig – mit der Folge, dass Geheimnisse nach außen gelangen, Kundendaten gefährdet, Informationen versehentlich gelöscht oder ganze Backend-Teile zerstört werden, was am Ende Millionen kostet und Klagen nach sich zieht. Was für einen Solo-Entwickler im Hobbyprojekt richtig sei, lasse sich deshalb nicht eins zu eins auf ein etabliertes Unternehmen übertragen.
Sein zweiter, tieferer Punkt: Die Gleichung „Softwareentwicklung = Code schreiben" sei falsch.
Code schreiben ist nach Arjans Darstellung nur ein kleiner Teil der Arbeit. Das Eigentliche seien Design und Architektur, das Durchdenken von Systemen, das Gespräch mit Beteiligten, das Schreiben von Tests, das Finden kreativer Lösungen, die über Jahre tragen. Wenn man vorher gründlich nachgedacht habe, sei das Tippen des Codes fast ein Nachgedanke – nicht der schwere Teil.
Sein Bild dafür ist eingängig: Eine Bohrmaschine zu besitzen macht einen noch nicht zum Schreiner. Schrauben ins Holz zu drehen ist leicht; einen Dachstuhl zu konstruieren oder eine tragende Wand zu bauen, ist die eigentliche Kunst. Übertragen heißt das: Das Schwere an unserer Arbeit ist nicht die Syntax, sondern das saubere Aufsetzen, das Vereinfachen, das Entwerfen von Lösungen, die dem Test der Zeit standhalten.
Der Punkt, an dem es ernst wird: Verantwortung
Den naheliegenden Einwand greift Arjan selbst auf: „Gut, aber in ein paar Jahren kann die KI auch das." Seine Antwort darauf ist für mich der stärkste Teil des Videos.
Ein Unternehmen zu führen, sagt er, bestehe nicht darin, Aufgaben zu delegieren, sondern Verantwortung. Und genau hier liege der Unterschied: Als Entwickler erledigst du nicht nur Aufgaben, du bist für Dinge verantwortlich. Wenn ein KI-generiertes Feature ernsthaften Schaden anrichtet, ist nicht die KI schuld – sondern du. Es brauche immer jemanden, der die Verantwortung übernimmt, entscheidet, was getan werden muss, und prüft, dass es richtig getan wurde.
Daraus zieht er den Schluss, worauf es ankomme: jemand zu sein, der Verantwortung tragen kann. Und das gehe nur, wenn man die Fundamente beherrsche – Kohäsion, Kopplung, Abstraktion und wie man solche Prinzipien praktisch umsetzt. Wie beim Hausbau: Ohne die Grundlagen der Zimmerei nützt einem die beste Maschine nichts.
Was ich davon mitnehme
Drei Dinge bleiben bei mir hängen, und alle drei haben direkt mit dieser Serie zu tun.
Erstens, die Verantwortung. Das ist exakt der Punkt, um den auch mein eigenes Nachdenken kreist: Die KI nimmt mir die Arbeit ab, aber nicht die Haftung. Dass Arjan aus einer völlig anderen Richtung – Großunternehmen, Software-Design-Lehre – bei genau diesem Satz landet, ist für mich eine starke Bestätigung. Wenn zwei Leute unabhängig voneinander dort ankommen, ist es vermutlich kein Zufall.
Zweitens verschiebt sein „Code ist der leichte Teil" meine eigene Sorge. Ich hatte Bauchschmerzen, weil ich den generierten Code nicht mehr lese. Arjans Argument legt nahe: Das Tippen abzugeben ist harmlos. Gefährlich wird es eine Ebene höher – wenn ich auch das Denken abgebe, also die Design- und Architekturentscheidungen der KI überlasse, ohne sie selbst zu verantworten. Genau das ist beim Vibe-Coding die eigentliche Klippe.
Drittens ist seine Unterscheidung zwischen schnellem Shippen und Risiko-Minimieren praktisch die Beschreibung meines eigenen Übergangs – vom Hobby zur professionellen Anwendung. Und mit einer unbequemen Pointe für mich als Solo-Maker: In einem Konzern verteilt sich Verantwortung auf Risiko, Recht, Sicherheit, Support. Bei mir falle das alles in einer Person zusammen. Ich bin die einzige Verteidigungslinie – was die Disziplin nicht unwichtiger macht, sondern wichtiger.
Zwei Dinge ordne ich fairerweise ein. Das Video läuft auf Arjans eigenen Kurs hinaus, und „Fundamente zählen, Code ist einfach" ist natürlich genau die These, die so ein Angebot stützt. Das macht das Argument nicht falsch – ich halte es für solide –, aber man sollte Pointe und Interesse nebeneinander sehen. Und sein Rahmen ist stark vom Großunternehmen geprägt; man muss ihn für die eigene, kleinere Welt übersetzen.
Einen leisen Einwand habe ich trotzdem: Dass Code „fast ein Nachgedanke" sei, gilt nicht immer. Bei wirklich schweren Problemen ist die Umsetzung der harte Teil, und kein noch so gutes Design nimmt einem das ab. Aber das ist Feinjustierung – sein Kern steht.
Fürs Logbuch
Unterm Strich ist Arjans Beitrag für diese Serie der unabhängige Gegenbeleg zu meiner eigenen These: Nicht das Schreiben von Code ist knapp geworden, sondern das Verstehen und die Verantwortung. Genau das, was ich an anderer Stelle „Verständnis-Schuld" genannt habe – nur aus der Perspektive von jemandem, der Software-Design lehrt.
Im nächsten Schritt wird es konkret: Wie sorgt man dafür, dass diese Verantwortung im Alltag nicht von der Tagesform abhängt, sondern ins Werkzeug eingebaut ist? Daran arbeite ich gerade.
Quelle: Arjan (ArjanCodes), „I'm done with the AI hype", YouTube, Mai 2026. Die Aussagen sind sinngemäß zusammengefasst, nicht wörtlich zitiert.
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